23. Oktober 2012

Zum Lehrersein.


Hallo Barney,

heute kam ich zum ersten Mal dazu, über meine lehrer'sche Entwicklung nachzudenken und zu reflektieren, was mir das Unterrichten hier bisher gebracht hat.

Ich habe jetzt über sechs Wochen Unterricht hinter mir. Meistens muss ich nur ein oder zwei Schüler unterrichten, in einem sehr kleinen Raum. Wir sitzen dabei in gemütlichen Sesseln und reden möglichst viel Deutsch - für meine Schüler ist Deutsch meist die einzige Fremdsprache, die sie lernen, und ich bin dazu da, sie auf mündliche Prüfungen vorzubereiten und ihnen die Angst vorm Sprechen zu nehmen. 

Ich darf aber auch regelmäßig ganze Klassen unterrichten. Davor hatte ich, wenn ich ehrlich bin, am Anfang unheimliche Angst. Ich bin mit nur wenig Berufserfahrung nach England gekommen - ein paar Praktika - und von Deutsch als Fremdsprache hatte ich schonmal gar keine Ahnung. Ich studiere Deutsch und Englisch, aber ich werde dazu ausgebildet, Deutsch als Muttersprache und Englisch als Fremdsprache zu unterrichten. Mein Sprachstudium ist also nicht ganz perfekt für den Unterricht, den ich hier geben muss.

Doch nicht nur auf fachkenntlicher Ebene habe ich mir meine Gedanken gemacht - vor allem um die Frage meiner Autorität habe ich gebangt. Ich war mir nicht sicher, ob ich professionell mit Schülern umgehen kann, die kaum jünger sind, als ich selbst. Ich bin erst 22 Jahre alt, kleiner als die meisten meiner Schüler und zu allem Unglück sehe ich auch noch jünger aus als die meisten meiner Schüler. Das hat die Folge, dass ich ausschließlich in Blazer und hohen Schuhen unterrichte, stark geschminkt zum Unterricht klackere und versuche, mir mein junges Alter nicht anmerken zu lassen.

Werde ich die coole Lehrerin sein, mit der man über die Sauftour am Wochenende reden kann, oder werde ich die sein, die ihren Schülern nichts, aber auch gar nichts aus ihrem Privatleben erzählt? Werden sie mich nett oder grauenvoll finden? Werden sie sich auf meine Stunden freuen? Werden sie ruhig sitzen bleiben? Werden sie Respekt vor mir haben?

Das andere Problem war für mich, dass ich hier an einem Internat bin. Ich habe die Schüler immer um mich. Sie sehen mich bei allen drei Mahlzeiten am Tag, sie wissen, wo ich wohne und mit wem ich meine freie Zeit verbringe. Ich muss manchmal 65 Mädchen ins Bett bringen, jeder Jahrgang muss um eine andere Uhrzeit das Licht ausgeknipst bekommen. Wie soll ich 65 quietschende Mädchen ins Bett bringen? Wie bringe ich sie dazu, auf mich zu hören? Für mich war immer klar, dass ich nicht die verhasste, strenge Lehrerin sein will, mit der man nichts zu tun haben will. Wir hatten alle mal einen Lehrer, bei dem wir uns gefragt haben, wie er es schafft so toll und nett und locker zu sein, gleichzeitig aber vollen Respekt und absolute Autorität zu genießen.

Nach sechs Wochen Praxis habe ich, denke ich, meinen Weg gefunden:

Ich versuche, so freundlich wie möglich zu sein. Ich frage die Schüler nach ihrem Tag, nach ihren Hobbys, ich plaudere mit ihnen und zeige Interesse. Ich rede mit ihnen über SIE, nicht über mich. Ich binde ihre Persönlichkeiten, ihre Erfahrungen und ihre Interessen in meinen Unterricht ein. Merke ich, dass sie testen, wie weit sie gehen können, vermittle ich ihnen indirekt meine Vorstellung von Unterricht: Ich respektiere euch, ihr respektiert mich. Ich bin eure Lehrerin, ich bin hier, um euch etwas beizubringen. Ich will euch für meine Sprache begeistern.

Ich bitte sie, mich zu korrigieren, falls ich im Englischen Fehler mache, damit sie verstehen, dass auch mir meine Fremdsprache hin und wieder schwer fällt. Sie lieben es, mir etwas zu erklären. Sie lieben es, wenn mir mal ein Wort nicht einfällt. Ich höre ihnen dann aufmerksam zu und bedanke mich. Das ist meine Art, ihnen die Angst vorm Fehlermachen zu nehmen. Es scheint zu funktionieren. Inzwischen bin ich mit meinen Stunden sehr zufrieden, die meisten Schüler scheinen Spaß am Deutschsprechen gefunden zu haben. Wenn ich ihnen zwischen Stunden begegne, grüße ich sie auf Deutsch und lobe sie, wenn sie mich in meiner Sprache fragen, wie es mir geht.

Wenn ich hier am Ende der Stunde sage "Das war's für heute!" stehen die meisten Schüler auf und bedanken sich für die Stunde - davon träumen Lehrer in Deutschland!

Ich habe noch keinen einzigen Eintrag ins Online-Bestrafungssystem vornehmen müssen. Die Schüler hier benehmen sich eigentlich alle sehr gut, und wenn es Bestrafungen gibt, dann eher für Dinge, die außerhalb des Unterrichts geschehen. Das liegt, denke ich, vor allem daran, dass das Internat, an dem ich arbeite, einen sehr, sehr guten Ruf hat. Aber ich hoffe, dass ich dadurch meinen "Lehrercharakter" ein wenig stärken kann und mich weniger unsicher fühle, wenn ich vor großen Deutschen Klassen stehe. 






Kommentare:

  1. Was für ein süßes Kommentar von dir, danke :) darf man denn dann dein Ergebnis der Windlichter auf deinem blog bewundern? ;) dein lehrersein hört sich spannend an, schöne Lektüre beim Bahnfahren :D wärst du meine Lehrerin hätte ich Schule glaube ich geliebt. Das problem ist nur, manche sind dafür einfach nicht geschaffen und vermitteln einem den Stoff einfach tot langweilg....es sollte mehr von dir geben ;) liebe Grüße

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  2. Hallo
    Ich bin über Cocos Blog Scènes de la vie gerade auf euren Blog gestoßen und wollte einmal liebe Grüße da lassen. Ich bewundere Menschen, die Lehrer werden können und wollen von ganzem Herzen, besonders wenn ich an meine Schulzeit zurück denke.
    Ich bin schon froh, dass ich als spätere Psychologin nicht vor ganzen Klassen, sondern nur vor Einzelpersonen stehe.
    Toll wie du dich engagierst und dir Gedanken machst.
    Euer Barney ist ja herrlich zum knuddeln! Dem schick ich mal meine Katze Bella vorbei.
    Schön, dass ich auf diesen wunderbaren Blog gestoßen bin :-)
    Lotte

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  3. das klingt total interessant! würde gern öfter was über das thema lesen. :)

    laura (http://himbeermarmelade.de)

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  4. vielen dank,du bist echt eine süße :)
    ne eigentlich geht frieda da nie dran,bzw. sie interessieren sie überhaupt nicht ;) wenn ich ehrlich bin hält sie sich auch nicht so oft in ihrem Körbchen auf,da findet sie auch mein Bett gemütlicher ;)
    ganz liebe grüße,Carla-Laetitia <3

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  5. lieb von dir,danke für den Kommentar! :)
    also ich hatte es in einem dute free am Flughafen gekauft,da hat es glaube ich um die 50 gekostet,aber ich denke das gibt es auch in anderen Parfümerien wie douglas oder so ;)
    liebste grüße,Carla-Laetitia <3

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  6. Du bist bestimmt eine tolle Lehrerin!

    Liebste Grüße ViktoriaSarina

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  7. du hast echt eine tolle einstellung! so eine ghätte ich mir gerne mal von einigen meiner lehrer gewünscht!

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